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Interview mit Erich Nickel, Director of Global Telematics Solutions bei IBM 19-03-06

Flächendeckende Kooperationen fehlen

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"Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das deutsche Mautsystem mit kommerziellen Telematikdiensten kombiniert wird."

Von Stuttgart aus koordiniert IBM seine Aktivitäten in Sachen Telematik. Hier sind Entwicklung und Kundencenter angesiedelt. HANSER automotive sprach mit Erich Nickel, der als Director of Global Telematics Solutions die weltweite Verantwortung für diesen Bereich trägt, über den deutschen Markt und die Chancen für die Telematik-Plattform von IBM.

Herr Nickel, welche Zielsetzung hat die Telematik-Systemplattform?

Viele der heutigen Lösungen sind auf einen bestimmten Anwendungsfall optimiert. Wir glauben aber, dass man diese Lösungen für größere Nutzergruppen zugänglich machen muss. Deswegen wollen wir mit unserer Systemplattform dies in Richtung unternehmens- und diensteübergreifende Zusammenarbeit antreiben.

Deutschland ist da noch nicht so weit?

Richtig. In ganz Europa sieht jeder nur auf seinen Bereich, das führt zu fragmentierten Lösungen. Jede Stadt mit eigenem Dienst, jeder Dienst mit neuem Ansatz. Wir hoffen, dass diese »Hotspots« zu flächendeckenden Kooperationen führen. Deshalb: offene Standards. Wir versuchen als IBM auch auf die Infrastruktur Einfluss zu nehmen. In Europa sehen wir allerdings keine Aktivitäten.

Worauf wartet man?

Telematik ist bei uns immer noch sehr stark vom Sicherheitsdenken gehemmt. Obwohl gar kein Anlass für Bedenken ist. Man kann heute Daten durch Firewalls, TCP/IP, Secure Layer, etc. absolut sicher machen. Das ist alles auf der Datenebene möglich und wird in anderen Diensten auch schon lange gemacht. Beim Mobiltelefon hat doch auch keiner mehr diese Bedenken. Online-Banking oder e-Business sind etabliert.

Das deutsche Mautsystem wäre doch dafür geeignet, eine Mehrfachnutzung zu ermöglichen?

Wir waren bei den Ausschreibungen dabei. Man wollte hier bewusst keine öffentlichen Interessen und private Nutzung vermischen. Trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das deutsche Mautsystem mit kommerziellen Telematikdiensten kombiniert wird. Dann wird der Content aufgeteilt, ein Kanal wird zur Mautabrechnung genutzt, ein anderer Kanal könnte an einen oder mehrere Service-Provider gehen und für andere Dienste zur Verfügung stehen. Der Vorteil: Alle könnten von der landesweiten Infrastruktur profitieren. Speditionen beispielsweise würden dann nicht nur Kosten haben, sondern könnten auch einen Nutzen aus dem System ziehen.

Sie vertreten die These, dass in 10 Jahren alle Fahrzeuge mit einem Telematikdienst ausgerüstet sind.

Automobilhersteller haben ein Interesse, Fahrzeugdaten aus dem Feld zu sammeln, zu übermitteln und auszuwerten. Die OEMs könnten das auch forcieren, ich sehe aber die Geschwindigkeit als nicht hoch genug, weil man baureihenabhängig ist. Somit ist dies ein länger dauernder Prozess. Bessere Marktdurchdringungschancen gebe ich dem Aftermarket. Antreiber könnten Versicherungsgesellschaften sein, möglicherweise auch ein gesetzlicher Zwang.

Nicht der kommerzielle Verkehr?

Steigende Spritpreise und immer höhere Ausgaben verringern die Margen im Transportgewerbe. Ein Telematiksystem wie Fleetboard hat eine Amortisation von nur 12 Monaten. Dennoch: Die Marktdurchdringung solcher Lösungen im kommerziellen Verkehr liegt bei lediglich 5%.

Das kann die IBM-Plattform ändern?

Das Problem ist: Jeder hat ein eigenes Anforderungsprofil. Stadtreinigung, Speditionen mit langen internationalen Strecken, Lieferdienste im Stadtbereich. Bisher gab es für jeden Anwendungszweck nur spezielle Komponenten. Mit unserer Plattformlösung kann aufbauend auf einer einheitlichen Hardwarebasis kundenspezifisch angepasst werden. Sie können Dienste personalisieren und mit der offenen Systemarchitektur weitere Dienste teilhaben lassen, ohne Medienbruch.

Denken Sie beispielsweise an Rettungsdienste. Von der Meldung bei einer Rettungsleitstelle, zur Einsatzzentrale, zum Krankenwagen, bei die Übergabe des Patienten in der Klinik – jedesmal findet ein Medienbruch statt. Das könnte alles auf Basis einer einzigen Plattform mit der jeweils geforderten Anpassung realisiert werden.

Das heißt: Weg vom fahrzeuggebundenen Dienst?

Absolut. Telematik ist im Moment noch sehr stark auf das Fahrzeug fokussiert. Wir bei IBM haben das Thema aber in das so genannte Pervasive Computing eingebettet. Da sprechen wir über Lösungen für PCs, mobile Rechner, Handhelds, Mobiltelefone, etc. Ein Schlagwort ist beispielsweise Sales Force Automation. Gemeint ist eine Erhöhung der Produktivität von Servicefirmen, Vertriebsleuten oder Lieferdiensten. Paketverfolgung, Auslieferungen, Zahlungsverkehr, alles ist denkbar.

Herr Nickel, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Wolfgang Lachermeier, Redakteur HANSER automotive.

 



 

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